Entlang der Saale-Horizontale Teil 2 – Wandern mit Vorschulkind & Baby

Saale-Horizontale (72 km), ein laufender Meter und ein halber Meter Baby

Im August 2022 war es so weit. Wir setzten endlich unsere Wanderung entlang der Saale-Horizontale fort. Bereits im August 2020 hatten Knöpfchen (damals 4 Jahre) und ich die ersten beiden Etappen an zwei Tagen gemeistert. (Den ausführlichen Bericht lest ihr hier.) Wir waren mit so viel Freude dabei, dass wir eine Tradition begründeten und nunmehr planten, jährlich einen Wandersommer auszurufen. Wegen Schwangerschaft pausierten wir 2021 unsere Tradition. Nun vor Knöpfchens Einschulung folgt der zweite Wandersommer. Ganz bewusst legte ich ihn zwischen den letzten Tag in der Kita und vor den ersten Tag in der Schule. Quasi als Übergangsritual. Auch diesmal nahmen wir uns wieder zwei Etappen mit ca. 12 km vor. Das erschien mir realistisch mit einem sieben Monate alten Baby in der Trage.

Ich empfand etwas Nervenkitzel bei dem Gedanken daran, zehn Stunden pro Tag Rollenspiele zu spielen. Deswegen plante ich, mir die Affinität meiner Tochter zu Rollenspielen zunutze zu machen und auf der Wanderung grundlegende Fähigkeiten für den ersten Schultag einzuüben unter Zuhilfenahme von… Tataaaa, Rollenspielen. Worüber sollte man sich auch sonst mit einer Sechsjährigen unterhalten? Selbst das interessanteste Gespräch über Bibi & Tina war irgendwann erschöpft. Ich ersann verschiedene Szenarien des Schulalltags, die meiner Meinung nach wichtig sind. Zum Beispiel: Wie finde ich Freunde? Wie frage ich nach dem Weg zum Speisesaal? Diese würde ich mit ihr Durchspielen. Dann hätte sie das Rüstzeug für den Start in die Grundschule. Ganz sicher.

3. Etappe: Jenzig – Laasan – Kunitzburg – Beutnitz (13km)

Punkt 08:30 Uhr starteten wir an der Baustelle Erlenhöfe am Fuße des Jenzigs. Hier begann der Saurierpfad Trixi Trias. Knöpfchen war drauf und dran ihn erneut abzugehen. Das war so gar nicht unsere Richtung. Ich setzte an, sie mit einem aus meiner Sicht hochinteressanten Thema von Trixi abzulenken und auf den richtigen Pfad zu locken. Der Schulstart. Ich beabsichtigte relevante Fragen wie beispielsweise „Wie stellst du dir den ersten Schultag vor?“ zu klären. Gerade so lenkte ich sie damit von Trixi ab.

„Komm, wir müssen hier lang.“, ich holte tief Luft im tiefen Bewusstsein über die Reichweite unseres anstehenden Mutter-Tochter-Gesprächs.

„….“

„Wir können auch ein Rollenspiel spie……“. Selbst nach 6 Jahren Erziehung, 6 LANGEN JAHREN, hatte ich es nicht gelernt – DENKEN kommt vor dem VERSPRECHEN.

„Au ja, wir sind Detektive. Wir müssen Rätsel lösen.“

„Grrrgn.“ Gut, das ging so halb daneben.

Einmal nicht nachgedacht, acht Stunden Rollenspiel gemacht. Pädagogisch ganz miserabel performt. Es gab nun kein Zurück. Gegenwärtig waren ???Kids Knöpfchens große Hörspiel-Liebe. Und sie sprach nur noch in Rätseln. Wenigstens liefen wir jetzt auf dem richtigen Weg. Von ihr unbemerkt lotste ich sie entlang des Jenzigs hin zum Einstieg auf die Saale-Horizontale. Kurz vor Laasan machten wir im Morgennebel Rast. Leider hat ich ab hier den Hut nicht mehr auf. Sprich, ich hatte ihn eingebüst. Lag wahrscheinlich daran, dass ich während der Rast vergaß, Fünkchen zu stillen. Unverzeihlicher Fehler. Sie forderte bei Losmarschieren ihre Sättigung ein.

In Laasan stärkten wir uns mit Pflaumen und bewunderten die Laasaner Schafe. Kurz vor dem Anstieg zur Kunitzburg, brach die Sonne durch die Wolken. Das war für uns Mädels sehr herausfordernd. Gerne beschriebe ich die tollen Aussichten. Doch um ehrlich zu sein, motivierte vor allem die Aussicht auf eine Pause Knöpfchen und mich zum weitergehen. Auf der Kunitzburg bereiteten wir uns ein kleines Reisgericht zu. Es schmeckte hervorragend. Zumindest war Knöpfchen so nett, mich zu informieren, dass es hervorragend schmeckte. Und aß alles allein auf. Gut, das nächste Mal brauchen wir also zwei Tüten Fertigreis. Diesen Tüten, auf den „2 Portionen“ steht, ist einfach nicht über die Herdplatte zu trauen.

Von der Kunitzburg ging es recht leichtfüßig hinab nach Beutnitz. Idealer Zeitpunkt für ein didaktisches Rollenspiel: „Äh, Knöpfchen, wollen wir den ersten Schultag spiel….?“,  startete ich einen erneuten Versuch.

„Au ja, du bist die Lehrerin und fragst mich alle Pferdekarten ab!“

„…“ Ok, wieder daneben. Wir hatten ein Pferderatespiel mitgenommen. Ich las die Karten vor und Knöpfchen riet. Nach zwei Beinahestürzen meinerseits ersannen wir selbst die Rätsel, die immer absurder wurden.  Ich weiß nun alles über Mash, Kardätschen und Voltigieren. Doch mein Vorschulkind hatte ich noch immer nicht fit für den ersten Schultag gemacht. Mmpf.

Fünkchen indes schlief. Und schlief. Und schlief. Ich war ihr dankbar dafür. So konnte ich mich ganz der Großen widmen. In Beutnitz verließen wir die Saale-Horizontale, um nach Porstendorf zu laufen, wo sich ein Bahnhof befindet. Gut, dass am Porstendorfer See die Rabeninsel liegt. Ein Imbiss, der uns schon häufiger verköstigte. Ob zu Fuß. Zu Rad. Oder per Boot. Hier stärkten wir uns mit einem Eis. Wir nutzten die verbliebenen 16 Minuten vor Abfahrt des Zuges recht effektiv, um Knöpfchens Tuch zu verlieren und, um festzustellen, dass es ab diesen Moment ihr Lieblingstuch ist, weswegen wir beschlossen auf den Zug zu pfeifen und zu der Stelle zu marschieren, wo wir es das letzte Mal gesehen hatte. Und siehe da. Es war gnädig. Es lag direkt vor dem Imbiss. Ein kurzer Sprint. Wir schafften beides. Tuch und Zug. Und das mit jeweils acht Kilogramm vorne und hinten und bei 30Grad Celcius (Ich schreibe das, um später Knöpfchen meine hohe Opferbereitschaft unter die Nase zu reiben und die Pflege im Alter sicherzustellen! Wenigstens ein Heimplatz.)

4. Etappe: Beutnitz – Tautenburg – Hohe Lehde – Sophienterasse – Dorndorf (14km)

Am nächsten Morgen schaute ich aus, als hätte ich die Nacht mit meiner neuen Affäre Justus Jonas durchgemacht. Knöpfchen war fit. Fünkchen auch. Ich nicht. Die 34 Jahre Altersunterschied waren spürbar. Alles Jammern half nichts. Pünktlich 08:25 Uhr starteten wir am Busbahnhof Jena-Paradies Richtung Beutnitz. Mit Ach und Krach konnte ich meine Mutation in ein Schaf lang genug hinauszögern, um im Regionalbus Fünkchen zu stillen.

Doch dann gab es kein Erbarmen. Wir spielten das freche Schaf Schenny. Das Rollenspiel bestand darin, das brave, aber freche Schaf Schenny (natürlich ich) zur Herde zurückzutreiben, indem ihm der Hintern von der Hirtin (natürlich Knöpfchen) mit einem Nordic Walking Stock versohlt wurde. Was sonst? Irritiert überlegte ich, welche nützliche Fähigkeiten meine Tochter hier für die Schule trainierte? Eisern trieb sie mich entlang von Pferdekoppeln bis zum Fuße des Tautenburger Waldes. Dort angekommen, erlitt sie beim Anblick des Anstiegs einen Schwächeanfall. Ich entschied, dass es sich hier um einen idealen Rastplatz handeln musste.

Direkt neben fröhlich muhenden Kühen. Die geschwächte Hirtin wurde mittels Übergewicht, Diabetes und Herzkrankheiten auslösender Substanzen aufgepäppelt. Erneut setzte ich an, relevante Fragen des Grundschulalltags mit ihr zu eruieren. Der Anstieg bot mir die perfekte Metapher für eine meiner Lieblingsweisheiten: „Arbeit hat bittere Wurzeln, aber süße Frucht.“ Ich schwurbelte also etwas von: „Ist der Anstieg auch hart, schmeckt die Aussicht zart.“ Die Belohnung? Knöpfchen bewegte sich genau 35 cm um mir ein Bein zu stellen. Es half nicht. Sie ward nicht zum Weiterlaufen zu bewegen. Selbst nicht als ich hier meinen Schafshintern zum vermöbeln anbot.

Wir beschlossen also das freche Schaf Schenny bei den Kühen zurückzulassen. Stattdessen weckten wir den gelangweilten Wald Fred. Die Langeweile plagte den armen Wald seit Jahrhunderten. Es galt einen Freund für Fred zu finden. Einen Wald der immer grünt. Denn Fred war im Winter nackig, weil ein Laubwald. Klar? Knöpfchen stellte ihm zig Fragen, um eine Lösung zu finden. Auf diese Weise lenkte ich sie von den 110 Höhenmetern auf 1 km ab und trichterte ihre nebenbei alles Wissenswerte über das Ökosystem Wald ein.

Ein Thema das mir sehr am Herzen liegt.

Denn, ihr Lieben, in der Regel gelingt es mir, meine wahnwitzigen und düsteren Gedanken hinter Satire, Ironie oder Zynismus zu verstecken. Doch beim Anblick von Baumskeletten, entwurzelten Bäumen und abblätternden Rinden gerate ich regelrecht in Panik. Schon in den 90er Jahren lernte ich im Schulunterricht, dass der Klimawandel den Hunger nach Land befeuern wird, dass es Kriege um Ressourcen, Flüchtlingswellen, Versalzung von Seen etc. geben wird. Wir hatten einen Geografielehrer, der uns dieses Wissen sehr ausdrücklich und einprägsam vermittelte. Jeder einzelne dürre Baum erinnerte mich nun an die Endzeitszenarien unseres Geografielehrers. Das Trügerische daran? Meinem durch US-amerikanischen Action-Filme verkorksten Hirn fällt es so unmöglich leicht, die Warnsignale zu ignorieren und zu unterschätzen. Die Apokalypse dauert in den Filmen meist wenige Tage. Grundsätzlich gibt es eindeutige Indikatoren. Feuer. Krieg. Stürme. Alles gleichzeitig. Überall. Nennt mich Häretiker, doch ich habe den Verdacht, dass sich diese Filme zur Gegenwart verhalten wie die siebentägige Schöpfungsgeschichte zur Evolution. Betrachte ich die letzten drei Jahrzehnte im Zeitraffer, weiß ich, Greta hat Recht. Genug davon. Soll jede:r sich seine eigenen Gedanken dazu machen. Das mit dem Ratgeben und Missionieren lasse ich.

Nachdenklich betrachtete ich meine große Tochter. Sie äußerte sich leicht verstimmt darüber, dass der Wald Fred wieder einschlief. Die Tatsache, dass ich einen Schwächeanfall erlitt und nach einer Pause verlangte, war reiner Zufall. Sie zeigte sich überraschend kooperativ. Lag eventuell an den Süßigkeiten. Fünkchen legte ich auf den Boden ab, wo sie sofort von der Decke rollte und große Freude daran fand, dass schmerzhaft mitgeschleppte Spielzeug zu ignorieren und sich stattdessen Stöckchen, Blätter und Erde einzuverleiben. Nach der kurzen Pause kratzte ich die Reste meines Optimismus‘ zusammen und schritt Tapferkeit vortäuschend voran. Erschrocken stellte ich fest, dass Fünkchen mehr kann als Schlafen. Sie legte das erste Mal auf der Wanderung Beschwerde ein. Unruhig zappelte sie in der Trage und quiekte missmutig vor sich hin. Und ich? Ich hatte keine Nuckel mitgenommen. Joar, was soll ich sagen? Auch wir Mamis sind Adrenalinjunkies.

Ich fand eine zufriedenstellende Lösung. Mit großen Augen beobachtete mich Knöpfchen: „Was machst du?“

Ich: „Ich beruhige meine Nerven!“

Knöpfchen: „Du stopfst Kinderriegel in dich rein.“

Ich: „ICH BERUHIGE NERVEN!“

Essen ist der evolutionär wichtigste Bestandteil des Lebens. Deswegen pausten wir uns zur nächsten Ortschaft – Tautenburg. Dort begrüßten uns und unsere sichtlich leichter gewordenen Rucksäcke eine kleine Herde Dammwild. Zusammen mit dem schönen Spielplatz vor Ort entwickelte Knöpfchen ungeahnte Kräfte. Noch in der Mitte des Ortes verlangte sie die 200m Anstieg zur Tautenburg hinaufzustürmen. Ich lehnte ab. Als hätte ich es geahnt. Bereits am Ortsausgang rief Knöpfchen: „Sind wir endlich da?“. Als ich ihr erklärte, dass wir erst die Hälfte der Tagestour bewältigt hatten, verlangte sie nach Fred dem gelangweilten Wald.

Spaßeshalber erweckte ich Horst. Abwechslung muss schließlich sein. Dachte ich. Der Weinanfall de Luxe meiner Tochter bewies mir das Gegenteil. Horst verstummte abrupt und Fred kehrte zurück. Doch irgendwie schien der Horst-Fred-Wechsel meine Tochter derart irritiert zu haben. Ich wusste nicht wie mir geschah. Irgendwo zwischen herrlichen Laubwäldern (Rastplatz Torbuche), weiten Wiesen und traumhaften Aussichten auf das Saaletal (Hohe Lehde) zwang mich Knöpfchen als Marktschreier tätig zu werden und Heu für ihr geliebtes Pferd zu verkaufen. Diese Story zogen wir tatsächlich bis Dorndorf durch. Unglaubliche vier Kilometer lang verkauften wir imaginäre Strohballen für 10 Euro das Stück. Statt wertvolle Tipps für den Schulalltag, übte ich Handelsstrategien mit Knöpfchen ein. Unterbrochen nur von ein paar Vertrauensübungen, um ihre Zuversicht und ihr Selbstvertrauen für die Schule zu stärken.

Dornburger Schlösser

Nach acht Stunden Wanderung stiegen wir in Dorndorf in den Weser-Ems-Express. Knöpfchen verliebte sich sofort. Worin? In verschiebbare Fenster. Tja, Züge des letzten Jahrhunderts hatten das. Allerdings bemerkte sie das erst am Ausstiegsbahnhof. Zutiefst betrübt forderte sie eine Wiederholung der kompletten Wanderung. Ich wertete ihren vorwurfsvollen Tonfall als Erfolg unserer Unternehmung.

Falls euch nun vor lauter Schennys, Horsts und Freds der Kopf schwirrt – nein, ich war nicht stoned. Ich bin einfach ein Mamahonk. Mit Leib und Seele.

Mein Fazit

Wenn ich als Frau wandern gehe, dann

  • genieße ich die Ruhe des Waldes
  • fordere ich meinen Körper und bin stetig in Bewegung
  • werde ich eins mit der Natur und verliere mich in ihr
  • genieße ich die großartigen Aussichten
  • spielt nichts weiter eine Rolle

Wenn ich als Mamahonk wandern gehe, dann

  • bin ich ein Pferd, ein freches Schaf, ein gelangweilter Wald oder Ähnliches
  • lerne ich alles über Pferde, ob ich will oder nicht
  • steht das Verhältnis Pausen zu Wandern 1:1
  • steigert die Süßwarenindustrie ihren Jahresumsatz um 100%
  • liebe ich meine Familie mehr als mein Leben! (Tue ich auch als Frau!)

Und Knöpfchen? Fühlt sie sich gut auf die Grundschule vorbereitet? Zumindest in den Disziplinen Sport, Rollenspiel und Pferd hängt sie alle ab. Nur bei gesunder Ernährung hapert es noch.😜

Gefällt dir mein Blog? Anregungen, Kritik? Gerne per Mail (siehe Footer). Folge mir auf Instagram und Facebook, um über die neuesten Einträge informiert zu werden. Und ganz wichtig: Weitersagen & Empfehlen – danke du Schnegge 🙂