Anfang Januar litt ich an den Nachwehen des letzten Quartals des Jahres 2023. Vermutlich ordnete meine Biografin diese schwere Zeit mit den Worten „Ihr Gesicht alterte um Jahre“ ein, doch sie hängt noch bei dem Kapitel „Begegnung mit dem Mann – eine folgenschwere Entscheidung“. Drum bleibt es an mir, die Ereignisse des Monats Januar 2024 zusammenzufassen. Psychologisch war der Jahresbeginn das Beste, was mir nach dem Tod meines Vaters geschehen konnte. Das neue Jahr stimmte mich optimistisch. Da ich noch eine Bronchitis gepaart mit Coronaerkrankung auskurierte, gönnte ich mir für den Monat Januar großzügig ein Deutschlandticket. Seit drei Monaten hatte ich keinen Sport getrieben, an Weihnachten meinen Kindern sämtliche Süßigkeiten weggegessen – da machte es jetzt auch nichts mehr, wenn ich nicht wie üblich mit dem Rad, sondern mit dem Bus zur Arbeit fuhr. Die Busfahrten verschafften Zeit zum Sinnieren. Der Tod meines Vaters wirkte mit der Erkenntnis nach: You’re next! Zwar gehe ich nicht davon aus, dass ich morgen tot umfalle. Doch das Bewusstsein, dass die Luft zwischen mir und der natürlichen Reihenfolge des Ablebens zunehmend dünner wird, war ein recht patentes Mittel gegen Prokastinastion. Was Trauer so alles anstellt! Mein seelischer Schaden war so groß, dass ich ernsthaft erwog, mir ein Handpan zuzulegen und es spielen zu lernen. Bevor es dazu kam, vertiefte ich lieber meine feministischen Interessen. Seitdem, weiß ich nicht, ob ich wütend sein oder mich schämen soll? Wut, über Gedanken in meinem Kopf, die nicht meine sind und die ich trotzdem denke, die mein Handeln beeinflussen und mich beschränken. Ein Leben lang. Scham, dass ich mich in dem behaglichen Schweigen und wohligen Nichtwissen über all die offenen und verdeckten Ungerechtigkeiten versteckt habe, ja mich sogar ein wenig danach sehne. Im Januar wandelte ich meine Wut in Aktivität um. Seit JAHREN will ich für die Kinder einen ETF anlegen. Im Januar tat ich es. Seit JAHREN will ich eine Kontenklärung bei der Rente anstellen. Im Januar tat ich es. (Das Ergbebnis verstärkte meine Bemühung, mittels Aktien meine Altersvorsorge voranzutreiben.) Seit JAHREN will ich mich feministisch engagieren und vernetzen. Im Januar tat ich es. Ich bin jetzt Teil, eines Online-Netzwerks. Zeit ist unser kostbarstes Gut. Als Mutter von zwei Kindern war mir das klar. Als halbverwaiste Tochter handelte ich danach. Meine Motivation, Probleme zu lösen, scheint enorm. Ob die Familie bei all meinem feministischen Tatendrang zu kurz kommt? Vielleicht manchmal. Zeit für schulische Aktivitäten war gering. Doch wer hätte es gedacht, seitdem ich nicht mehr mit Knopf die Hausaufgaben machte, wurde sie richtig gut. Der Mann kam ganz bestimmt zu kurz. In den Wirren der letzten Monate beschlossen wir gemeinsam, nur noch Eltern zu sein. Romantik war etwas für Anfänger:innen! Wir sind jetzt eine Familien-WG. Die Familienberaterin der AWO wusch mir den Kopf. Inzwischen wollte ich nicht mehr ausziehen, sondern genoss unseren Kompromiss. Schließlich enstand Raum in meinem Leben für neue alte Beziehungen. Ein Segen – der Besuch einer ehemaligen Kommilitonin und sehr guten Freundin. Ein Wochenende war sie in Jena und wann es möglich war, buchte ich einen Slot bei ihr – sei es bei der Demonstration gegen Rechts, ein Kaffee nach dem Einkaufen oder schließlich beim ausgiebigen Saunieren. Ende des Monats gab es dann tatsächlich auch wieder Kraft für Sport. Wir verknüpften den Geburtstag von Fünkchen und dem Mann mit dem krankheitsbedingt ausgefallenen Weihnachten. Knopf erhielt einen Trinkrucksack, das gab mir einen erfreulichen Anlass gemeinsam mit ihr zu joggen. Da tat unfassbar gut. Nur das Bloggen fühlt sich noch an wie Kaugummi.
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