Von Null auf Kindergarten – Eingewöhnung extended version

Tag 2: Abnabelung ich hör dir trapsen.

In der Nacht beschloss ich, die kleinen Schnoddernasen in Fünkchens Gruppe zu mögen. Und ihnen ihren Rotz zu verzeihen. Sicherlich, es war nicht schön, wenn die Eingewöhnung wegen Krankheit unterbrochen werden musste.

Doch erstens hatten wir für die Eingewöhnung einen ganzen Monat Zeit und zweitens würde Knopf zeitnah aus der Grundschule irgendetwas Unangenehmes wie Keuchhusten oder Läuse mitbringen. Vielleicht auch Corona. Wer wusste das schon? Was ich hingegen wusste, die Membran zwischen Grundschule und Kita war dünn. Sehr dünn! Selbstverständlich würden Fünkchens Buddies auch etwas davon haben, wenn es soweit war. Es ist ein Geben und Nehmen.

Mich beschäftigte eine völlig andere Frage. Ich steckte nämlich in der Krise. In der Schuhkrise. Und das in zweifacher Hinsicht. Bewegungslos in einem Haufen Kinder abzuhängen, führte dazu, dass die Blutzufuhr in meinem Körper zum Stillstand kam. Konsequenz: Ich fror. Am Rücken und eben an den Füßen. Es war dieses tückische Frieren. Anfänglich nahm ich von diesem Frieren an, „Ach, wird schon nicht so wild. Jacken sind etwas für Weicheier und Schuhe überbewertet.“ Plötzlich wäre ich froh, ein Weichei zu sein, da wäre ich kein Eiszapfen.

Gut, die Kälte am Rücken wäre vermeidbar gewesen. Doch ich musste unbedingt vor dem Termin noch in die Berge und wandern, um mich mental auf die bevorstehende Trennung von Fünkchen einzustimmen. Völlig verschwitzt kam ich wie immer pünktlich zu spät in der Kita an. Olfaktorisch entsprach ich auch nicht gerade Channel Nr.5. Ausschließlich bestrumpfte Füße machten die Sache nicht besser. Weder für die Pädagöttinen noch für mich. Zur Strafe war Zittern angesagt. Geschah mir recht.

Das Ausmaß der Schuhkrise betraf leider auch Fünkchen. In ihrem einjährigen Dasein zeigte sie keinerlei Ambitionen in den 3D-Modus zu wechseln und zu laufen. Sie fühlte sich mit Allradantrieb am wohlsten und erkrabbelte sich die Welt. Wer war ich, dass ich mich bückte und sie gegen ihren Willen in die Vertikale hievte? Mein Rücken befürwortete diese Haltung. Daher bestand keine Notwendigkeit, Fünkchen zu beschuhen. Außer vielleicht an den Knien. Für die Füße reichten Socken. Drinnen wie draußen.

Ja, mein Kind war ein Jahr alt und ohne Schuhe unterwegs. Jetzt steinigt mich. Kali steinigte mich nicht, sondern bedachte mich nur mit einem fragenden Blick. Ein Blick der besagte: „Wie ohne Schuhe? Das ist möglich?“ Und schon lief mein Helikopter-Es auf Hochtouren. Ehe ich mich versah, hatte Es über Ebay-Kleinanzeigen sämtliche Lederschläppchen in den Größen 18,19,20 und 21 in ganz Thüringen aufgekauft. Sicherheitshalber auch noch Größe 22.

Währenddessen verschleppten die Erzieherinnen Fünkchen in den Vorraum, zogen sie seelenruhig an und verschwanden spurlos auf den Spielplatz. Als ich feststellte, dass ich allein im Gruppenraum war, versuchte ich eilig der Gruppe hinterher zu hechten. Verzweifelt rief ich: „Halt! Sie ist noch nicht so weit! Sie ist doch noch so klein!“ Doch ich stolperte über meine vereisten Füße und stürzte zu Boden. Schlotternd sah ich zu, wie die Tür zum Spielplatz ins Schloss fiel. Da lag ich nun. Allein. Frierend.

Eine Stunde später setzte mir die Erzieherin ein äußerst zufrieden schauendes Fünkchen in die eiskalten Arme. Fest presste ich sie an mich. Natürlich nur, um mich aufzuwärmen.